Weiterhin scharfe Kritik nach der ÖH-Wahl

Mai 31, 2009

Das erklärte Wahlziel der elektronischen ÖH-Wahl von 1% Wahlbeteiligung wurde nicht erreicht, nur 2.161 Studierende oder 0,9 Prozent wählten online. An sieben von 21 Universitäten wurde keine einzige Stimme elektronisch abgegeben. Die Investitionen von mindestens 567.000€ stünden in keiner Relation zu dem Ergebnis, meinen Kritiker. Zudem habe E-Voting zu einer gesamt historisch niedrigen Wahlbeteiligung geführt, da „mit den ÖH-Wahlen als Versuchsobjekt für E-Voting habe die Regierung ihre Geringschätzung für die ÖH Ausdruck verliehe“ (heise.de).

Die Grünen mit GRAS wie auch die FPÖ mit dem RFS werden die Wahl u.a. wegen unvollständigen Wählerverzeichnissen anzufechten. Auf den Stimmzetteln fehlten die Kurzbezeichnungen der Fraktionen, wobei die Junge Europäische Studenteninitiative (JES) rechtliche Schritte angekündigt hat, da sie zudem auf dem elektronischen Wahlzettel nur als „Junge Studenteninitiative“ genannt wurde. Das Bezeichnungsproblem lässt sich auf das E-Voting-System zurückführen, da das grafische Interface so lange wie möglich geheimgehalten wurde und so diese Fehler nicht früh genug bemerkt wurden – anders bei früheren Wahlen, wo man ausgedruckte Papierstimmzettel vorab in der Hand halten konnte.

Weitere Schwierigkeiten wie Probleme mit der neuen Wahladministrationssoftware und Verzögerungen bei der Auszählung werden unter anderem auf heise.de näher beschrieben.

Fehlendes Bulletin Board

Zudem ist noch immer nicht das sogenannte „Bulletin Board“ online! Dieses System wurde vom BMWF als Zusatzfeature angepriesen, da dort die „Prüfcodes“ der abgegebene E-Voting-Stimmen aufgelistet werden. Dieser Code schien bei jedem Studi am Ende der elektronischen Stimmabgabe auf, wobei die Studierenden aufgefordert waren, diesen Code zusammen mit einem „Bestätigungscode“ zu notieren. So hätten sie überprüfen können, ob ihre Stimme auch angekommen ist. Wenn nicht, hätten sie mit beiden Codes um eine weitere Untersuchung bei der jeweiligen Wahlkommission ansuchen können. Aber ohne zusätzliche Überprüfungsmöglichkeit gibt es wohl kein zusätzliches Vertrauen.

Nachtrag: Nach diesem und Ulrich Wiesners Post und ein E-Mail an Robert Krimmer ist nun ein (allerdings funktionsloses) Formular online. Anscheinend wird darauf gehofft, dass viele Studierende vergessen, ihre Codes prüfen zu lassen.


E-Voting in der Schweiz und Betrugsszenarien

Mai 30, 2009

Neben Österreich und Estland ist die Schweiz eine der wenigen europäischen Nationen, die Internetwahlen umsetzen. Da es in der Schweiz relativ häufig zu Abstimmungen kommt, kränkelt die Wahlbeteiligung (<50%) und das Allheilmittel* ist – Sie werden es sicher erraten – natürlich E-Voting.

In der Schweiz wurden seit 2002 mehrere E-Voting-Pilotversuche im Rahmen des Projekts Vote Èlectronique in den Kantonen Genf, Neuenburg und Zürich mit verschiedenen E-Voting-Verfahren (Wählen über Internet oder per SMS) für Wahlen und Abstimmungen durchgeführt. Ein Ende dieser Pilotversuche ist nicht in Sicht.

Nun zerbrechen sich auch Schweizer Wissenschaftler den Kopf über Betrugsszenarien und Manipulationsmöglichkeiten (Beitrag in „Der Bund“ – via Martin):

Theoretisch wäre eine Manipulation denkbar. Dies sagen Wissenschaftler um Eric Dubuis, Bernhard Anrig und Rolf Haenni von der Berner Fachhochschule in Biel. Besonders perfid bei einem raffinierten Betrug: Die meisten heute in der Praxis eingesetzten Systeme sind so aufgebaut, dass man einen solchen unter gewissen Umständen gar nicht entdeckte. Um ein wirklich sicheres System zu haben, müsse es von Grund auf anders konstruiert sein, warnen die Informatiker. [..] «Wenn die Bürger dabei nicht vollstes Vertrauen ins Abstimmungssystem haben, könnte bei einem knappen Abstimmungsergebnis schnell der Verdacht eines Betrugs aufkommen», sagt Anrig. Möglichkeiten zum Betrug gibt es einige:

Die Computersysteme selber könnten manipuliert werden. Selbst wenn man davon ausgehe, dass die Programmierer nicht aus eigenem Antrieb manipulierten – die Möglichkeit dazu hätten sie, sagt Haenni. Und dies mache sie erpressbar.

Der (illegale) Stimmenkauf ist bei der elektronischen Stimmabgabe sehr viel einfacher als bei der brieflichen. Mit den Pilotsystemen funktioniert der Zugang über wenige Codes, die nur für eine Abstimmung gelten (siehe Kasten). Ein nicht an der Abstimmung interessierter Bürger hätte die Möglichkeit, seine Stimme zu verkaufen. Über eine Internetseite im Ausland könnte der Stimmenkauf im grossen Stil und anonym betrieben werden. Bei der brieflichen Abstimmung, so wie wir sie heute kennen, ist es hingegen kaum möglich, einen anonymen Stimmenkaufring aufzubauen, sagt Anrig. Denn die Postadresse dieses Rings wäre bekannt.

Die Internetabstimmung erfolgt über die Computer der Stimmbürger. Auf diesen Rechnern können sich Viren und Schadprogramme einnisten. «Einen Beweis, dass der einzelne Computer so funktioniert, wie es der Benutzer annimmt, gibt es nicht», sagt Dubuis. So könnte sich ein Schadprogramm verbreiten, das dem Benutzer vortäuscht, mit dem Abstimmungsserver verbunden zu sein. Ein solches Programm wäre jedoch fremdgesteuert und gäbe nicht zwingend die Stimme des Bürgers weiter.

[..] Bei den bisherigen Pilotsystemen sei nicht nachvollziehbar, was nach der Stimmabgabe erfolge. «Am Ende wird einfach ein Resultat ausgespuckt», sagt Haenni. Die Funktionsweisen der Systeme sind entweder geheim – etwa bei dem des Kantons Neuenburg, das von einer spanischen Firma entwickelt wurde – oder zumindest nicht vollständig offengelegt.

Hier der ganze Beitrag in „Der Bund“.

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* Die Wahlbeteiligung konnte bei der ÖH-Wahl 2009 NICHT gesteigert werden! Die Wahlbeteiligung lag laut futurezone bei rund 26%, was neuer historischer Tiefstand ist. Das Ziel von 1% Wahlbeteiligung bei E-Voting wurde auch klar verfehlt, da nur 0,9% via Internet wählten!


ÖH-Wahl: Probleme bei der Stimmauszählung

Mai 29, 2009

Bis gestern konnten Studierende in ganz Österreich ihre ÖH-Vertretung für die nächsten 2 Jahre wählen. Novum dieses Jahr war die Einführung des E-Voting Testlaufs vom Wissenschaftsministerium. So konnte vorige Woche elektronisch und diese Woche auf Papier abgestimmt werden.

Wie, unter anderem auf papierwahl.at, immer wieder berichtet, gab es schon von vornherein, wie auch während E-Voting lief, immer wieder Probleme. So ist es fast schon nicht mehr verwunderlich, dass es auch gestern Abend bei der Auszählung der Stimmen erneut Schwierigkeiten gab.
So berichtet etwa der ORF Steiermark heute:

An der Universität Graz versucht man bisher vergeblich, die Ergebnisse von elektronischer Wahl und Zettel-Wahl zusammenzuführen. Ein „vorläufiges Wahlergebnis“ auf der Wahl-Internetseite der ÖH dürfte jene rund 150 Stimmen nicht beinhalten, die per E-Voting an der Uni Graz abgegeben wurden.

Desweiteren berichtete der Standard Live-Ticker zur ÖH-Wahl gestern Abend:

E-Voting Probleme an der BOKU
Es gelten angeblich zu viele Stimmen als abgegeben, sagt Sigrid Maurer von der GRAS. Wie es weitergeht, weiß keiner so genau.
[...]
Neben der WU kann man angeblich das E-Voting Ergebnis auch an der Uni Linz nicht entschlüsseln, sagt Sophie Wollner vom VSStÖ. Sie hat Anrufe erhalten, dass auch dort die Stimmen nicht ordnungsgemäß gezählt werden können.

Der Leiter der Wahlkommission Bernhard Varga meinte daraufhin lediglich:

„Kein Grund nervös zu “ [...] Von Problemen bezüglich E-Voting will er nichts wissen.

Neben diesen ganzen Problemen konnte aber auch ein weiteres Ziel nicht erreicht werden – nämlich die Wahlbeteiligung durch E-Voting zu steigern. Die Wahlbeteiligung bei den diesjährigen ÖH-Wahlen lag, laut futurezone (in Bezug auf APA), bei rund 25%, was ein historischer Tiefstand ist. Die Wahlbeteiligung bei E-Voting lag bei 0,9% und an 7 der 21 österreichischen Universitäten wollte niemand elektronisch Wählen.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn findet die Wahl aber trotzdem „sehr okay„.

Wie geht es nun weiter?
Der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) und die Grünen & Alternativen StudentInnen (GRAS) haben bereits angekündigt Klage beim Verfassungsgerichtshof einzulegen.
Außerdem soll es laut Robert Krimmer im Juni zu einer Evaluierung des E-Voting Projekts kommen.

weitere Links:
Ergebnisse – oeh-wahl.gv.at
Ergebnisse – oeh.ac.at
Live-Ticker auf FM4


Radio Netwatcher Sendung zu E-Voting

Mai 22, 2009

Die aktuelle netwatcher-Sendung vom 22.5.200 auf Radio ORANGE 94.0 setzt sich unter anderem wieder mit E-Voting auseinander. Titel der Sendung: „Live von der E-Voting Wahlbeobachtung d. ÖH Wahl 09 & neues von den Tierschützern wg. § 278″.

Berichtet wird von der Pressekonferenz am Montag 18.5.2009 im BRZ. Zu hören sind unter anderem Robert Krimmer und Bundeswahlleiter Bernhard Varga, interessante Fragen der Presse und Pannen. Peter Purgathofer hat das Schlusswort am Ende der Sendung.

Dabei wird auch auf die von Moderator Manfred Krejcik geführte Webseite http://www.internetwahlen.at verwiesen, wo Bilder von der Konferenz zu sehen sind.

Hier die Sendung als MP3 oder als Stream. Der E-Voting-Part der Sendung ist ab ca. 15:50 zu hören.

e-voting top oder flop


Nur 0,9% Wahlbeiteiligung bei den ÖH-Wahlen via Internet

Mai 22, 2009

Die ÖH-Wahlen via Internet sind beendet. Obwohl im Rahmen der studi.gv.at-Werbekampagne zirka 11.900 BürgerInnenkarten-Lesegeräte verteilt worden sind, haben nur 2.161 Studierende an der elektronischen Wahl teilgenommen. Das sind weniger als 1% der rund 230.000 Wahlberechtigten. Das BMWF nannte die Grenze von 1% als Erfolgsziel, das nun verfehlt wurde!

Laut der parlamentarischen Anfrage von Kurt Grünewald hat das E-Voting im Rahmen der ÖH-Wahlen 2009 zumindest 567.139,04 Euro gekostet (nicht nur 300.000 wie vom BMWF behauptet wird). Das sind über 260 Euro pro abgegebener Stimme.

Neben kleinen Pannen mit dem Server und Fehlern in der Software gab es auch falsche Bezeichnungen von Studierendenlisten. Auf die Kurzbezeichnungen der Fraktionen wurde auf den elektronischen Stimmzetteln anscheinend vollkommen vergessen. Laut dem Wiener Verfassungsrechtler Heinz Mayer sind die Stimmzettel ohne Kurzbezeichnung allerdings „rechtswidrig“ und „die Chance auf eine Aufhebung der gesamten ÖH-Wahlen ist sehr groß“.

Die Premiere ist technisch einwandfrei gelaufen, mehr als 2.000 Studierende haben das Angebot genutzt. Ich hoffe, irgendwann wird es zur Normalität.

sagte Hahn als erste Bilanz zu den Internetwahlen im Gespräch mit dem Standard. Nachzulesen hier.


„Das E-Voting Kartenhaus“: Interview mit Hans Zeger

Mai 22, 2009

Der Radiosender FM4 hat heute ein Interview mit Hans Zeger geführt. Dieser ist letzte Woche vermehrt mit dem Bereitstellen eines Test-Tools zur Überprüfung der E-Voting-Seite (oeh-wahl.gv.at) in die Schlagzeilen gekommen. Zu den Anschuldigungen und Drohungen mit rechtlichen Konsequenzen seitens des Wissenschaftsministeriums spricht Zeger von extrem hysterischen Reaktionen:

Wenn das ein [Internetwahl-]System wäre, das professionell organisiert und gebaut ist und auch die Sicherheitsbestimmungen des Datenschutzgesetzes einhalten würde, hätte dieses Tool in keinster Weise Auswirkungen haben dürfen. [...] Es wurde ein System zusammengebastelt, das so stabil wie ein Kartenhaus ist, und bei Kartenhäusern darf man auch nicht laut husten.

Zum derzeitigen E-Voting-Testlauf meint Zeger:

Was ich zu bedenken gebe ist, dass unser gesamtes Staatswesen, unser gesamtes Staatssystem darauf aufbaut, dass Wahlen anerkannt werden – und zwar von allen Seiten anerkannt werden, auch vom Verlierer. [...] Das heißt, wählen ist kein beliebiger technischer Prozess wie Onlinebanking, Onlineshopping, E-Government oder sonst irgendwas. Sondern E-Voting ist das Fundament der Demokratie, und wenn wir hier beginnen, zweifelhafte Methoden einzuführen, dann landen wir sehr rasch in einer Demokratieverdrossenheit bis Demokratieverweigerung. Hier wird mit dem Feuer gespielt.
[...]
Die Einsicht in den Quellcode der E-Voting-Software wurde von mehreren Seiten sehr scharf k[ri]tisiert, unter anderem auf papierwahl.at: [...] Was sagen sie zur Einsicht in den Sourcecode des E-Voting-Programms?
Hier hat offensichtlich der Betreiber etwas zu verbergen, [...] diese angekündigte Einsicht [ist] eine Farce! Man muss ganz klar sagen: Hier gleitet Österreich in ganz gefährliche Bereiche ab.

Das Interview kann hier nachgelesen und auch nachgehört werden.

Zu den angesprochenen papierwahl.at-Beiträgen: „Sourcecode-Analyse im BRZ“ und „Details der Sourcecode-Einsicht„.


Aufforderung zum Stimmenkauf an der TU Wien

Mai 19, 2009

Urgenz berichtet, dass am heutigen Dienstag folgende Flyer an der TU Wien ausgelegt waren:

flyer_stimmkauf_tuwien

Die Fachschaft Informatik, in deren namen die Flyer angeblich angeboten wurden, hat sich bereits davon distanziert, etwas damit zu tun zu haben:

Es sind Flyer Aufgetaucht, auf denen die Fachschaft Informatik als Urheberin impliziert wird und in denen nahegelegt wird, wir würden dafür zahlen, wenn ihr die Fachschaftsliste wählt (die wir bekanntlich nicht unterstüzten oder gar angehören). Diese Flyer sind NICHT von uns und wir distanzieren uns von dessen Inhalt.

Da es sich bei so einer Aufforderung ganz klar um eine Straftat handelt (Wahlbetrug), bittet die Fachschaft Informatik weiters um Unterstützung zur Aufklärung des Falls.

Ob es sich dabei um einen schlechten Scherz oder eine gezielte Aktion handelt, ist im Moment noch unklar. Laut Urgenz gibt es Verdachtsmomente, dass der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) etwas damit zu tun haben könnte. Es gibt jedoch aktuell keine konkreten Beweise dafür.

Die Fachschaft Informatik und Fachschaftsliste haben gemeinsam bereits Anzeige wegen Stimmenkaufs gegen Unbekannt bei der Polizei eingereicht.


Noch mehr Audits

Mai 19, 2009

Nachdem hier bereits vor ein paar Tagen über die Analyse der Scytl-Software berichtet wurde, bei der ein guter Überblick über sicherheitsrelevante Schwachstellen zu finden war, gibt nun auch ein finnischer Bericht vom letzten Jahr interessante Einsichten: Audit report on pilot electronic voting in municipal elections.

Insgesamt finden sich in beiden Berichten jede Menge mögliche Angriffswege und detaillierte Risikoanalysen, so wie sie auch aus anderen Audits aller internationalen Hersteller schon bekannt sind. Das Problem, dass die Geschäftsgeheimnisse gegenüber dem Interesse der Wähler an einer transparenten Wahl überwiegen, kennen wir:

The software to be employed is a business secret that cannot be disclosed. Even though there is no reason to suspect the software to be faulty, the possibility of errors or deliberate weaknesses remaining in it cannot be completely excluded. However, a thorough checking of the entire code would require several man-years of effort. [1]

Der Audit stammt vom Department of Mathematics der Universität von Turku.

[1] Juhani Karhumäki and Tommi Meskanen: Audit report on pilot electronic voting in municipal elections, June 2008.

ccc wahlcomputer-logo e-voting


Details der Sourcecode-Einsicht

Mai 19, 2009

Die Rahmenbedingungen der Quelltexteinsicht des E-Voting-Systems, das bei der ÖH-Wahl eingesetzt wird, am 8. Mai im BRZ waren ja bereits enorm eingeschränkt. Noch mal zur Erinnerung:

  • Gewöhnliche Studierende haben keine Möglichkeit und kein Recht an der Sourcecode-Analyse teilzunehmen.
  • Die Wahlkommissionen haben die Möglichkeit Wahlbeobachter mitzubringen, aber auch nur pro Gruppe einen einzigen (!) und das erst nach spezieller Beantragung.
  • Man muss vorher einen NDA unterschreiben -> also darf man später auch nicht über Ergebnisse berichten.
  • Es wird nur ein Teil des Sourcecodes hergezeigt, da die Komponenten von Scytl geschützt sind (wozu dann der NDA?).
  • Man darf keine Datenträger mit zur Veranstaltung nehmen.
  • Die Präsentation findet geführt statt, d.h. es wird nur ein Teil des 183.000 Zeilen langen Sourcecodes hergezeigt.

Nun kamen weitere Details des Ablaufes zum Vorschein. Das c’t Magazin berichtet in der aktuellen Ausgabe:

Statt der tatsächlich eingesetzten Software wurde nur ein (angeblich) ähnlicher Code gezeigt. Es handelte sich weder um jene Version, die der A-SIT zur Zertifizierung vorgelegt wurde, noch um jene, die bei dem heute gestarteten E-Voting-Prozess tatsächlich zum Einsatz gelangt. Der nicht kompilierbare C++- und Java-Code war zumindest um den Großteil der Kommentare bereinigt worden – nicht auf Wunsch des Herstellers, sondern auf Wunsch des Kunden, sprich der österreichischen Regierung. Ein Grund dafür wurde nicht angeführt. Eine Überprüfung, ob auch die richtige Software verwendet wird, ist den Wahlkommissionen somit mangels übereinstimmender Hash-Werte unmöglich. Denn auch das A-SIT-Zertifikat nannte keine MD5-Prüfsumme.

Nach allgemeinen Vorträgen wurden maximal neun Personen gleichzeitig zur Einsichtnahme in einen separaten Raum eingelassen. Darin befanden sich drei Laptops. Auf einem wurde der (ansonsten nicht öffentliche) Prüfbericht der A-SIT präsentiert. Die beiden anderen Laptops waren mit je einem Mitarbeiter des Softwarelieferanten Scytl besetzt und durften von den Wahlkommissären nicht angerührt werden. Fragen durften nur auf Englisch gestellt werden. Auf dem einen Laptop wurde der Source Code der Serversoftware, auf dem anderen jener des Clients in einer Entwicklungsumgebung angezeigt.

Die Suche nach Stichwörtern wurde nicht gestattet. Auf Wunsch öffneten die Scytl-Mitarbeiter bestimmte Dateien und scrollten darin auf oder ab. Dafür standen insgesamt etwa acht Stunden zur Verfügung. Doch nicht von jeder erfragten Funktion wussten die Scytl-Mitarbeiter, wo diese im Code zu finden war. Die Verwendung mitgebrachter Laptops, Kameras oder Mobiltelefone war verboten, auch abschreiben wurde von Security-Männern unterbunden. Stichwörter durften unter Beobachtung notiert werden. Konfigurationsdateien fehlten beziehungsweise waren durch Dummies ersetzt. Wie die Scytl-Mitarbeiter ausführten, sei ihr Unternehmen weder für die Konfiguration noch für die Kompilierung zuständig. Wer den Code tatsächlich kompiliert hat, blieb undeutlich.

Ebenfalls wurden Sicherheitslücken in der Bürgerkartenumgebung - die Basis der Sicherheit – festgestellt. Der Quelltext der BKU ist nicht einmal den Wahlkommissionen zugänglich.

Der Sourcecode der Wahladministrationssoftware, die für die Auszählung (!) verantwortlich ist, wurde ebenfalls nicht gezeigt.

Außerdem ist das geheime Wahlrecht quasi aufgelöst, da drei von vier Mitgliedern der Wahlkommission zusammen eine Stimme einer Person zuordnen können.

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Weitere Artikel:

Ulrich Wiesner berichtet ebenfalls über die ÖH-Wahlen.

Einige Blogger berichten ebenfalls kritisch:

„Bebilderter E-Voting- Test

„E-Voting und das geheime Wahlrecht

„ÖH-Wahlen: Zum Start“

Aktuelle Zeitungsmeldungen:

„eVoting-Server gefährdet!“

„Das ÖH-eVoting startete am Montag 18. Mai 2009″

„Sicherheitslücken bei österreichischer Bürgerkarte trotz Zertifizierung“

„Habe ich jetzt schon gewählt?“

„ÖH-Wahlen: E-Voting-Gegner beschweren sich über Pannen und falsche Wahlzettel

„Parteien erneuern Kritik an E-Voting“

„E-Voting ist in Österreich nicht unbedingt geheim


Weitere Fehler im E-Voting-System gefunden!

Mai 18, 2009

Als unbedarfte kritische Studentin wollte ich ganz bequem von zuhause aus im Pyjama meine Stimme abgeben. Dabei habe ich, als Informatik-Studentin und Software-Entwicklerin zwei Fehler und andere Auffälligkeiten im Onlinewahlsystem für die ÖH-Wahlen gefunden! Und das nach nur 10 Minuten des Ausprobierens! Was hätte man wohl finden können, wären wir nicht komplett eingeschränkt gewesen bei der Sourcecode-Analyse.

Hier mein Weg als Ansichtssache in Screenshots (zum Vergrößern Klicken):

Startpunkt war die Seite https://e-voting.oeh-wahl.gv.at/voting/, ich verwende Firefox 3.0.6 als Browser, ein Klasse 2 Chipkarten-Lesegerät und meine eCard, die ich mir vom BMWF freischalten ließ.

e-voting 01

Dort wählte ich meine Uni, für die ich wahlberechtigt bin. Nun kam ich zur Auswahl der Bürgerkartenumgebung.

02

Her wähle ich die Online-BKU. Irgendein komisches Fenster lädt sich in das Browserfenster hinein.

03

Eine Warnung kommt! Wieso werde ich während der Wahl gewarnt?

04

Ich gehe mal auf „Ausführen“, auch wenn ich mir nicht recht sicher bin, was ich wohl gerade ausführe. Aha, es ist ein Java-Applet (das orange Ding da).

05

Ich denke, spätestens hier wäre ein nicht technophiler Durchschnittsbürger vom Verständnis her überfordert gewesen. Oder wissen Sie, was ein Java-Applet oder eine Bürgerkartenumgebung genau ist und könnten es Ihrer Oma erklären?

Endlich kommt die Aufforderung zur Pin-Eingabe.

06

Ich gebe meinen (richtigen!) Pin am Kartenlesegerät ein und erhalte eigenartigerweise folgende Fehlermeldung:

07

Wieso ist die Seite nicht mehr pink? Wo ist der Kontext? Wo bin ich hier gelandet und wie komme ich wieder zurück?

Verunsichert wie ich war, habe ich den Vorgang am ersten Schritt an einige Male wiederholt, aber es kam immer die gleiche Fehlermeldung, trotz Eingabe des richtigen Pins. Vielleicht kommt der Fehler, weil ich das sicherere Klasse 2 Lesegerät benutze und das E-Voting-System nur auf die weniger sicheren Klasse 1 Lesegeräte ausgelegt ist, die das BMWF verteilen ließ?

Ich nehme einmal an, dass das Problem an der Online-BKU liegt und starte die von mir bereits am PC installierte BKU „trustDesk basic“.

08

Nebenbei bemerkt: Was ist ein Widerrufsdämon (ganz untem am letzten oberen Screenshot)?

Nachdem die BKU-Software gestartet ist, ich nochmal von Anfang an eingestiegen bin (erster Screenshot) und beim zweiten Schritt die „lokale BKU“ gewählt habe, werde ich weitergeleitet.

09

Wieder verlasse ich den Kontext. Wieder werde ich auf eine Seite geleitet, die nicht pink ist und kein Logo oder irgendwas enthält, das eine Zuordnung zur vorhergehenden Seite vermuten lässt. Bin ich noch richtig?

10

Nun kommt wieder eine Warnung und da weiß ich sofort, dass ich richtig bin. Vertrauenerweckend ist dieser Vorgang doch wirklich nicht. Ich klicke wieder auf „Ausführen“, immerhin mag ich ja auch mal zum Abstimmen kommen.

Endlich kommt die Aufforderung zur Karten-Pin-Eingabe:

11

Dann muss ich meine „Anmeldedaten signieren“. Wieso muss ich nochmal den Pin eingeben? Bei anderen Webapplikationen muss ich mich doch auch nur einmal einloggen.

12

Und schon taucht der Stimmzettel auf! War doch gar nicht so schlimm.

13

Interessanterweise kann ich hier auch entscheiden, meine Stimme doch per Papierwahl später abzugeben. Auf der nächsten Seite …

14

… kann ich meine Stimme für ein „Wahlorgan“ abgeben. Ich kreuze hier ebenfalls an, dass ich meine Stimme nicht per E-Voting abgeben möchte und drücke auf „Abschicken“. Danach kommt ein eigenartiger leerer Stimmzettel, obwohl ich doch gesagt habe, dass ich nichts per E-Voting abgeben möchte. Interessant.

15

Also drücke ich auf „Bestätigen und Stimme abgeben“. Es kommt eine Fehlermeldung:

16

Naja, also hab ich nichts abgegeben, weil nichts da war, das man abgeben konnte.

Aber man kann ja seine Meinung noch ändern, oder? Ich gehe über „Zurück zur Universitätsauswahl“ zurück und gehe alle Schritte wieder durch, treffe dieses Mal auch eine Wahl:

17

Ausnahmsweise habe ich ungültig gewählt, sehe mir die Zusammenfassung an, überdenke aber meine Auswahl und will über „Neu starten“ irgendetwas neu starten. Es kommt ein Dialog:

18

… und ich klicke auf „Ja“, aber es tut sich nichts! Ich bleibe auf dem Screen hängen. Schon wieder ein Fehler!

Also gehe ich auf „Abbrechen“, was mich auch zurück aus diesem Albtraum bringt.

Die Fehler meldete ich der Wahlkommission der TU Wien, die mich schon von der Wahlberechtigungsprüfung kennt.

Ich hoffe nur, dass ich nun nicht als E-Voter registriert bin!

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Ich habe meine Stimme nicht elektronisch abgegeben. Ich möchte das nämlich bei der Papierwahl tun!

Ungeheuerlich, wenn man sich dieses Szenario für Nationalratswahlen vorstellt!


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