“Das Gebiet der Human Factors, also der menschlichen Aspekte und Faktoren bei Wahlmaschinen ist ein sehr weit reichendes und geht von der Akzeptanz des Systems, über Benutzerinterfaces, bis hin zum Einfluss jedes einzelnen Individuums in jeder Phase der Erstellung, des Einsatzes und der Wartung eines E-Voting-Systems.” – aus der “Bibel” ;)
Video the Vote ist ein “Netzwerk von US Journalisten, unabhängigen Filmemachern und Medien-Experten, die zusammen arbeiten um Wähler-Unterdrückung und Aberkennung der Bürgerrechte bei Wahlen zu dokumentieren”. Bei der Initiative geht es nicht rein um Wahlcomputer, sondern auch um andere Arten von Unregelmäßigkeiten wie Wahlkreismanipulationen. Etwa werden durch lange Warteschlangen vor der Wahlkabine Arbeiter dazu gezwungen, die Schlange früher zu verlassen, ohne ihre Stimme abzugeben, da sie einfach wieder wochentags zur Arbeit zurück müssen. Aviel Rubin, E-Voting-Experte von der Johns Hopkins Uni und Autor des hervorragenden Buches “brave new ballot” beschreibt das Problem der langen Warteschlangen vor DRE (driect recording electronic voting machines) ebenfalls.
Hier ein Video von video the vote, das zeigt, wie eine falsche Kalibrierung des Touchscreen-Displays zu einer anderen Wahlentscheidung des Wählers führt (man will Kandidat A wählen, der Computer stimmt aber für Kandidat B):
Im Zusammenhang mit Usability und Ergonomie der Wahlcomputer gibt es aktuell auch das “Wahlmaschinenfiasko in Finnland“, wo in drei finnischen Gemeinden Wahlcomputer getestet wurden. Die Bediehnbarkeit der Geräte war allerdings so schlecht, dass viele ihre Stimme abgaben, aber vergaßen mit “OK” nochmals zu bestätigen, womit die Stimme nicht gezählt wurde. So gingen etwa 2% der Stimmen für immer verloren. Der finnische Abkömmling der EFF, die Electronic Frontier Finland (EFFI), hatte bereits im Vorfeld auf die Mängel hingewiesen, die in einem Bericht beschrieben werden.
Letzte Woche wurde der CAST-Workshop mit dem Thema “Elektronische Wahlen und Wahlmaschinen” von Melanie Volkamer in Darmstadt abgehalten, wo das “hot topic” E-Voting unter Experten diskutiert wurde. Auf dem Workshop ging es eher um Vorstellung von aktuellen Projekten, wie etwa das T-Systems Projekt voteremote, rechtlichen Fragestellungen und die common criteria (CC) zertifizierung für Internetwahlen und den Hamburger Wahlstift.
Das Problem mit den CC-Zertifizierungen ist, dass sie Sicherheit nur vortäuschen, da nur Aspekte von Sicherheit im Sinne von “Security” erfasst werden (also beabsichtigte Angriffe) und nicht etwa andere Aspekte bei Wahlen, wie Ergonomie, Safety (unabsichtliche Fehler) oder Usability (Bediehnbarkeit). Wahlspezifische funktionale Anforderungen werden bei dieser Sicherheitsevaluierung nicht berücksichtigt.
Im Gegensatz zu unserem österreichischen Vertreter bei dem Workshop, Robert Krimmer, der etwas ungelenk sagte: “Internetwahlen [..] werden sich nicht vermeiden lassen”, denke ich, dass noch viel Diskussionsbedarf zum Thema E-Voting – vor allem in Österreich – besteht.
Der Vizechef des Wahlprüfungsausschusses des deutschen Bundestags bezeichnete Wahlcomputer zwar bereits als sicher, allerdings wurden zwei Wahlprüfungsbeschwerden “zum Einsatz der Wahlautomaten in rund 2.000 Wahllokalen in Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt im Jahr 2005″ eingebracht.
Das deutsche Bundesverfassungsgericht entscheidet berät heute in einer mündlichen Verhandlung über die verfassungsrechtliche Zulässigkeit des Einsatzes der Nedap-Wahlcomputer (von ad-hoc news):
Bei der Bundestagswahl 2005 sind in 39 ausgewählten Wahlkreisen – von insgesamt 299 – von einer niederländischen Firma hergestellte Wahlcomputer eingesetzt worden. Diese Geräte gab es auch schon bei der Europawahl 1999, bei der Bundestagswahl 2002, bei Landtags- und Gemeinderatswahlen. Stets gab es Wahleinsprüche wegen mangelnder Sicherheit und wegen Manipulierbarkeit der Geräte. Nie hat ein Verfahren jedoch Karlsruhe erreicht. Es ist also ein Grundsatzurteil zu erwarten, das uns alle als Staatsbürger und Wähler angeht.
Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat Zweifel an der Sicherheit der derzeit in Deutschland bei verschiedenen Wahlvorgängen benutzten Abstimmungscomputer geäußert. [..] Mehrere Richter kritisierten am Dienstag in der mündlichen Verhandlung des Gerichts in Karlsruhe, dass mit den derzeitigen Systemen weder die korrekte Speicherung der abgegebenen Stimmen noch deren Auszählung kontrolliert werden könne. [..] Das Urteil wird in einigen Monaten erwartet.
am 04.11.2008, also in gut einer woche, steht die wahl des praesidenten der vereinigten staaten von amerika an. wie das mit dem waehlen und der stimmgewichtung in den usa grundsaetzlich funktioniert, erklaert (in einfach und verstaendlich) das video “Electing a US President in Plain English” in knapp 4 minuten:
wie bekannt sein duerfte, haelt nun schon eine ganze weile in den usa, der trend des elektronischen waehlens fortwaehrend an. der aktuelle status, welche wahltechniken in den usa zum einsatz kommen, laesst sich auch sehr schoen grafisch darstellen [1]
wie man erkennen kann, sind die optischen scanner und touchscreen geraete eindeutig am verbreitesteten, waehrend das waehlen mit papier stark im rueckzug begriffen ist. etwas detaillierter und in absoluten zahlen gibt dies der aktuelle “2008 National Voting Equipment Report” [.pdf] der election data services wieder [1]. darin ist unter anderem aufgelistet, dass optically scanned paper ballots und electronic (dre) systems zusammen ca. 90% des eingesetzten wahlequipments ausmachen. die hand-counted paper ballots liegen bei bescheidenen <2%. nur um die verhaeltnisse nochmal zu verdeutlichen.
das heisst also die usa waehlt, natuerlich auch dieses jahr wieder, ihren praesidenten mit e-voting systemen.
die aclu fasst unter diesem hintergrund auch nochmal kurz zusammen:
Flawed or not, the machinery that will be used to cast and count votes is in place. The biggest concerns on the voter’s end is whether their votes will be accurately recorded and not lost, due to a range of factors from human error to software glitches to lost memory cards — the electronic version of a ballot box.
[...]
The biggest vulnerability in the vote-counting process appears to be the prospect that a private contractor, with strong partisan feelings, will tinker with the machinery to alter the count, either by adding to the number of voters casting ballots or shifting the allocation of votes awarded on a percentage basis: adding from candidate X and subtracting from candidate Y.
[blog.aclu.org]
dabei muss man aktuell noch nicht mal so sehr auf das gezielte manipulieren anspielen (obwohl das sicherlich in zukunft eine der groessten gefahrenquellen darstellen wird. stichwort: innentaeter). denn mit aktuellen wahlcomputern schafft man es noch nicht einmal die abgegebenen stimmen richtig zu zaehlen, wie unter anderem auf golem berichtet wurde:
Fehlerhafte Systeme werden zur US-Präsidentenwahl zum Einsatz kommen
Die für die kommende US-Präsidentenwahl zugelassenen Wahlcomputer sind nicht in der Lage, die abgegebenen Stimmen korrekt zusammenzuzählen. Das wurde bei der Untersuchung von Ungereimtheiten im US-Bundesstaat Ohio festgestellt.
[...]
die Diebold-Tochter Premier Elections Solutions, hat die Probleme bereits zugegeben. Eine Korrektur der Fehler bis zur Wahl ist praktisch nicht mehr möglich, da alle zur Wahl zugelassenen Systeme vorher überprüft und zertifiziert werden müssen.
[golem]
damit kommt man zu dem schluss, dass diese wahl noch offensichtlicher als bisher, von dem good will (wenn man das so sagen will) der eingesetzten wahlsysteme abhaengig ist. eine transparente wahl und zweifelsfreie stimmabgabe ist unter diesen umstaenden nicht moeglich.
durch diese und aehnliche vorfaelle in der vergangenheit, kursiert auch bereits – angefangen von unterstellungen bis hin zu verschwoerungstheorien – einiges hinsichtlich wahlmanipualtionen auf seiten der republikaner. ganz entkraeften werden sich solche vorwuerfe nicht lassen, da die naehe von premier elections solutions (diebold) zu der republikanischen partei auch oeffentlich bekannt ist.
Ein Bericht der Princeton University Center for Information Technology Policy: “Study: Sequoia e-voting machines disturbingly easy to hack” arstechnica.com
Programmierfehler in E-Voting-Systemen: “Computer error cited in Georgia’s voter registration checks” atlanta journal-constitution
Stimmen wurden auf Wahlmaschinen anders gespeichert als abgegeben!
da ich hier neu bin als autor, wollte ich das auch mal kurz bekanntgeben. macht man schliesslich auch im richtigen leben so.
also – ich heisse marc, studiere derzeit an der uni graz (davor tu graz), blogge schon eine weile und man kann mich auch bei twitter und identi.ca antreffen (ich weiss das war jetzt schamlose eigenwerbung ;) ).
das ganze ist so zustande gekommen, dass ich von barbara gefragt wurde, ob ich nicht einfach lust haette bei papierwahl.at als autor mitzuwirken – wie man sieht habe ich zugesagt.
ich werde versuchen hier, in mehr oder weniger regelmaessigen abstaenden, artikel zum thema e-voting reinzustellen. abhaengig von der aktuellen informationslage (da mache ich mir aber eher weniger sorgen) und der zeit meinerseits.
das ganze ist, zumindest fuer mich, noch ein kleines experiment und steht ziemlich am anfang. wenn es also probleme gibt, in die kommentare damit oder mailen. sonstige anregungen, (konstruktive) kritiken, berichtigungen und diskussionen sind gerne gesehen. dafuer ist das ganze schliesslich auch da!
und damit ich jetzt nicht komplett abdrifte und den bezug zum eigentlichen thema, naemlich e-voting, verliere:
studi.gv.at ist eine Werbeaktion des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Von studi.gv.at werden Versprechungen getätigt, ohne auf damit verbunden Gefahren hinzuweisen. Weiters werden politische Pläne des Ministers als Tatsachen verkauft, die in dieser Form nicht gesichert sind.
• Die Durchführung von e-Voting bei den ÖH Wahlen 2009 ist keineswegs gesichert.
• Die ÖH Wahlen sollen als Probelauf dienen, um zukünftig auch Nationalratswahlen über Mausklick durchführen zu können.
• Noch-Bundesminister Hahn möchte e-Voting gegen den Willen der ÖH einführen.
• e-Voting ist technisch und rechtlich nicht ausreichend abgesichert.
• Eine Erhöhung der Wahlbeteiligung ist durch e-Voting nicht zu erwarten.
• Bei e-Voting sind freie und geheime Wahlen nicht garantiert.
• Alle Anführungen von “sicher” im Zusammenhang mit e-Voting sind unbelegte Versprechungen.
• e-Voting WahlbeobachterInnen benötigen technisches Fachwissen.
• Für WählerInnen ist der Wahlvorgang nicht nachvollziehbar.
“Es ist ganz ohne Rückgriff auf Einzelbeispiele technologisch nachweisbar, dass es wirkliche Sicherheit beim E-Voting nicht geben kann.”
ao.Univ.Prof.Dr. Peter Purgathofer, TU Wien – Institut für Informatik
Unermüdlich verfolgt Wissenschaftsminister Johannes Hahn das Projekt, bei den Hochschülerschaftswahlen E-Voting via Internet mittels Bürgerkarte einzuführen. Dass sich die eigentlich Betroffenen – die ÖH-Vorstände – seit Jahren gegen die Einführung von E-Voting aussprechen, ficht Hahn nicht an: Geht es doch darum, das seit Jahren untote Bürgerkartenprojekt wiederzubeleben und einen Präzedenzfall für künftige Nationalratswahlen zu schaffen. Ende September musste Hahn die Notbremse ziehen, da die Ausschreibung des E-Voting-Systems beeinsprucht wurde. Durch den Rückzug der Ausschreibung verhinderte Hahn zumindest, dass das Bundesvergabeamt sich näher mit den Gründen für die Einsprüche beschäftigt. Auch der Datenschutzrat hatte schwere Zweifel angemeldet: E-Voting könne die in der Verfassung verankerten fundamentalen Grundsätze einer freien, geheimen und persönlichen Wahl nicht erfüllen.
Bremsen lässt sich der österreichische Wissenschaftsminister weder vom Widerstand der Bürger noch von der eigenen Ungeschicklichkeit. Das Ministerium sieht seine E-Voting-Pläne auch nach dem Ausschreibungs-Flop weiterhin auf Schiene. Der hauptsächliche Grund für diese Beharrlicheit: Da der Anteil konservativer Stimmen unter den Briefwählern stets signifikant höher ist als unter der Gesamtwählerschaft, erwartet man denselben Trend auch beim E-Voting. Die Partikularinteressen einer Partei werden also über die in der Verfassung verankerten fundamentalen Grundsätze einer freien, geheimen und persönlichen Wahl gestellt.
"Ich war am INSO Sommer-Fest, und der erste, der mir über den Weg rennt, ist der Krimmer". -- ein auf diesem Fest eingeladener(Anmerkung: Der Herr Grechenig, "Berater fuer das Ministerium" ist vom INSO)[Reposted from tubasis]